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Vergütung von Rufbereitschaften in IT-Unternehmen 2026

Daniel Weiß
March 12, 2026
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Stellen Sie sich vor, es ist 2 Uhr morgens und ein kritisches System fällt ohne Vorwarnung aus. Ein übermüdeter Techniker in Bereitschaft arbeitet daran, den Dienst wiederherzustellen, um seinen Kunden vor einem größeren Ausfall zu schützen, der die nächste Service-Level-Überprüfung zunichte machen könnte. Am Tag darauf findet dann die altbekannte Diskussion über die faire Vergütung für Bereitschaftsdienste statt: Was ist eine „angemessene“ Bezahlung für schlaflose Nächte, unvorhersehbare Anrufe und schnelle Reaktionen auf Incidents?

Was gilt als Bereitschaftsdienst?

Bereitschaftsdienst ist eine besondere Arbeitszeitregelung im Arbeitsrecht. Sie tritt in Kraft, wenn der Arbeitnehmer verpflichtet ist, zumindest telefonisch erreichbar zu sein, damit er im Notfall seine Arbeit aufnehmen kann. Bereitschaftsdienst wird in der Regel als Zeit gezählt, die speziell für Arbeitszwecke vorgesehen ist.

‍In der Praxis bedeutet dies, dass Arbeitnehmer während des Bereitschaftsdienstes normalerweise nicht arbeiten dürfen. Es gibt jedoch Ausnahmen. Beispielsweise können Mitarbeiter während ihres Bereitschaftsdienstes auch von zu Hause aus arbeiten, wenn sie über ihr Arbeitsgerät erreichbar sind.

Was ist der Unterschied zwischen Rufbereitschaft und Bereitschaftsdienst?

Es gibt einen zeitlichen und örtlichen Unterschied zwischen den beiden Modellen:‍

  • Bereitschaftsdienst – Mitarbeiter bleiben erreichbar (Telefon, Pager oder Bereitschaftsdienst-App) und können sich im Fall einer Alarmierung von überall aus einloggen.
  • Rufbereitschaft – Die Mitarbeiter müssen physisch vor Ort sein und sofort einsatzbereit sein. Das deutsche Arbeitsrecht stuft diesen Bereitschaftsdienst als Arbeitszeit ein und behandelt ihn entsprechend.

Im IT-Betrieb wird in der Regel der Remote-Bereitschaftsdienst bevorzugt, da die meisten Incidents (zum Beispiel Code-Rollbacks, Konfigurationsänderungen) über VPN gelöst werden können. Der Bereitschaftsdienst ist nach wie vor wichtig für latenzkritische Umgebungen, z. B. Handelsplattformen oder industrielle Steuerungssysteme, bei denen ein Techniker die Hardware überwachen und innerhalb von Sekunden eingreifen muss, um strenge Service-Level-Vereinbarungen einzuhalten.

Zählt Bereitschaftsdienst zur Arbeitszeit?

Ob Bereitschaftsdienst als Arbeitszeit gilt, ist nicht so eindeutig, wie es scheint. Nach den meisten arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen – einschließlich der Leitlinien für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz und dem US-amerikanischen FLSA Fact Sheet #22 – wird passive Bereitschaftszeit als Ruhezeit behandelt, solange keine Alarmierung eingeht. Sobald Mitarbeiter jedoch kontaktiert werden und mit der Fehlerbehebung beginnen, gelten diese Minuten als aktive Arbeitszeit. In Grenzfällen entscheiden Gerichte (z. B. das deutsche BAG, Urteil vom Oktober 2023, 6 AZR 210/22) (Quelle auf Deutsch verfügbar), welche Zeiträume als solche gelten, sodass die Definitionen oft je nach Gerichtsbarkeit und Unternehmenspolitik variieren.

‍Auch für die Bezahlung gibt es keine allgemeingültige Regel. Viele Arbeitgeber behandeln Bereitschaftsdienst als abrechnungsfähige Arbeit und vergüten ihn entsprechend; andere stufen passive Bereitschaft als unbezahlte Verfügbarkeit ein. Wenn Ihr Unternehmen das letztere Modell anwendet, denken Sie daran, dass Sie nicht dafür vergütet werden, einfach nur erreichbar zu sein.

‍Fazit: Bereitschaftszeit ist nicht immer gleichbedeutend mit Arbeitszeit – sie hängt von der Vergütungspolitik des Unternehmens ab. Einige große US-Technologieunternehmen (Airbnb, Apple, Netflix) bezahlen keine passive Bereitschaft, während viele europäische Technologieunternehmen dies tun.

Zeiten der Rufbereitschaft

Rufbereitschaft wird in der Regel auf bestimmte Nächte oder Wochenenden beschränkt, die vorab vereinbart und im Arbeitsvertrag festgehalten sind. Da zu diesen Zeiten weniger Personal vor Ort ist, ist eine verlässliche Abdeckung während der Nacht und am Wochenende wichtig.

In Deutschland empfiehlt der IT-Branchenverband Bitkom, Rufbereitschaft auf maximal 56 Tage pro Kalenderjahr zu begrenzen und pro Schicht mindestens 8 Stunden ununterbrochene Ruhezeit zu garantieren (Bitkom-Leitfaden “Rufbereitschaft im IT-Betrieb”). Da Rufbereitschaft grundsätzlich als arbeitsfreie Zeit gilt, greift die gesetzlich vorgeschriebene Ruhepause von 11 Stunden nach §5 (1) des Arbeitszeitgesetzes erst dann, wenn der Techniker tatsächlich an einem Incident arbeitet.

Bereitschaftsdienstzeiten

Der Bereitschaftsdienst beschränkt sich in der Regel auf bestimmte Nächte oder Wochenenden, die im Voraus vereinbart und im Arbeitsvertrag festgehalten werden. Da während dieser Zeiten weniger Mitarbeiter vor Ort sind, ist eine zuverlässige Abdeckung in der Nacht und an Wochenenden unerlässlich.

‍In Deutschland empfiehlt der IKT-Branchenverband Bitkom, Bereitschaftsdienste auf 56 Tage pro Kalenderjahr zu begrenzen und mindestens 8 aufeinanderfolgende Stunden Ruhezeit pro Schicht zu garantieren.  Ähnliche Ruhezeitgrundsätze spiegeln sich in europäischen Arbeitsvorschriften wie der EU-Arbeitszeitrichtlinie wider. Bereitschaftsdienst wird in der Regel als Nicht-Arbeitszeit eingestuft, sodass die übliche 11-stündige Ruhepause gemäß § 5 (1) des Arbeitszeitgesetzes erst dann gilt, wenn der Techniker aktiv an einem Incident gearbeitet hat.

Sie suchen nach einer einfachen Möglichkeit, diese Grenzen im Blick zu behalten? Die Dienstplanverwaltung von ilert zeigt alle geplanten Rotationen und tatsächlichen Schichten auf einen Blick, sodass Teams ohne veraltete Tabellen die Vorschriften einhalten können.

Wie werden Bereitschaftsdienste in IT-Unternehmen vergütet?

Die Bezahlung variiert weiterhin je nach Unternehmensgröße, Branche und Risikoprofil. Der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) legt in § 8 Abs. 3 folgende Zuschläge fest:

Bereitschaftsdienste ab 12 Stunden

Wochentage (Mo – Fr): Vergütung mit dem 2-fachen des Stundenlohns für den gesamten Tag.

Wochenenden und Feiertage: Vergütung mit dem 4-fachen des Stundenlohns für den   gesamten Tag.

Kürzere Bereitschaftsfenster (unter 12 Stunden)


Hier fallen zusätzlich 12,5 % des Stundenlohns pro Stunde Rufbereitschaft an.

In großen Konzernen oder erfolgreichen Start-ups können Arbeitnehmer mit etwa 1.000 € pro Woche für Rufbereitschaft rechnen. Bei Zalando liegt die Vergütung bei rund 1.050 €, bei dem Start-up HelloFresh bei 1.000 €, und bei Amazon Deutschland etwa bei 800 €.

Auch mehrere Unternehmen im Finanzsektor zahlen vergleichbare Sätze, die genauen Beträge variieren jedoch. Laut dem Blog Pragmatic Engineer gelten folgende Werte:

  • SumUp (Deutschland): 1.050 € pro Woche
  • N26 (Deutschland): 880 € pro Woche
  • Klarna (Europa): 500 € pro Woche
  • Mastercard (UK): 470 £ pro Woche
  • PayPal (Deutschland): 350 $ pro Woche
  • Wise (UK): 300 £ pro Woche

Aktuelle Beiträge aus Engineer-Foren und Communities liefern weitere Vergleichswerte:

Google - SRE-Rotation Tier 1 (fünf Minuten Reaktionszeit): Vergütung für 40 Minuten jeder On-Call-Stunde außerhalb der Bürozeiten (66 % des Basisstundenlohns).
Tier 2 (30 Minuten Reaktionszeit): 20 Minuten pro Stunde (33 %).

AWS - (EU-Tier-0-Services): 25 % des Basisgehalts pro On-Call-Stunde außerhalb der regulären Arbeitszeit, plus einen halben Tag bezahlten Urlaub für jede nächtliche oder samstägliche Alarmierung.

Mehr als Bezahlung: Mitarbeitergesundheit schützen

Geld ist nicht alles. Rufbereitschaft stört den Schlafrhythmus und beeinträchtigt das Privatleben, deshalb ist der Schutz der Mitarbeitergesundheit entscheidend. Diese fünf Punkte sind für Zufriedenheit und Wohlbefinden von IT-Teams wichtig:

  • Erwartungen klar definieren: Reaktionszeiten und Eskalationspfade müssen klar definiert sein.
  • Fair rotieren: Schichten gerecht verteilen, mit Primär- und Sekundär-Rollen. Ein automatisierter Bereitschaftsplan sorgt für Transparenz.
  • Workload im Blick behalten: Zeiten je Techniker tracken, nächtliche Bereitschaftsdienste begrenzen. Mit den ilert-Berichten können zum Beispiel Muster erkannt werden.
  • Tools richtig nutzen: Deduplizierung von Alarmierungen und smarte Eskalationen reduzieren dank ilert die Alarmflut und verkürzen die Time-to-Sleep.
  • Training & Support anbieten: Vierteljährliche Notfallübungen oder Übungstage halten das Team einsatzbereit und sicher im Umgang mit kritischen Störungen.

Zusammenfassung

Rufbereitschaft im IT-Bereich bedeutet, außerhalb der regulären Arbeitszeiten für eventuelle Notfälle erreichbar zu sein, meist remote. Sie unterscheidet sich vom Bereitschaftsdienst, der die Anwesenheit vor Ort erfordert und immer als Arbeitszeit gilt. Im Gesetz gibt es keine Regelung, dass Rufbereitschaft automatisch vergütet wird, nur die aktive Reaktion auf Incidents zählt eindeutig als Arbeitszeit.

Die Bezahlung für Rufbereitschaft variiert: Manche Unternehmen zahlen einen Zuschlag auf den Stundenlohn oder bieten Freizeitausgleich an, andere – etwa Apple oder Airbnb – vergüten passive Rufbereitschaft gar nicht. Bitkom empfiehlt in Deutschland maximal 56 Einsatztage pro Jahr mit mindestens 8 Stunden Ruhezeit pro Schicht.

Wöchentliche Pauschalen liegen bei Firmen wie Zalando, HelloFresh und SumUp zwischen 800 € und 1.050 €. Best Practices zum Schutz der Mitarbeiter umfassen eine faire Regelung für Rotationen, klare Eskalationspfade, Tools zur Verringerung von Alarmflut und regelmäßige Trainings.

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